Sex, Krach und Nachbarschaft

Es begab sich zu der Zeit, in der jener junger Autor, welcher sich heute einer blühenden literarischen Ergiebigkeit erfreut, seines Strebens nach dem schriftstellerischen Glück noch nicht bewusst war. In der unendlichen Weite seiner eigenen Träume  gefangen, unwillig, unfähig sich aus ihnen zu befreien, wuchs ein Ton im Bewusstsein. Ein Ton so laut und störend, dass die Realität sich gemeinsam mit ihm immer mehr in die Welt der Träume drängte. Er wuchs immer weiter an, zu einem unausweichlichen, unerträglichen riesigen Biest. Dieses Biest war es was ihn letztlich ins Jetzt riss. Wie ein kräftiger Ruck kam es ihm vor, als seine Augen zum Öffnen gezwungen die Welt um sich herum erfassten. Einige Momente mit dem Begreifen der Umstände beschäftigt, fing das Gehirn langsam an das Geschehen zu verarbeiten. Wie ein anlaufender Motor wummerte sich nach und nach die Erkenntnis ein, dass jener widerliche Ton von der Eingangstür kam. Es klingelte, klopfte, hämmerte und krachte. Ein Blick auf die Uhr verriet die Uhrzeit. Zu spät für alles und jeden!  Niemand würde um diese Uhrzeit den Mut besitzen ihn zu stören. Einen Anflug aus Wut und purer Wachheit nutzend ging er zur Tür. Ein kräftiges Krachen an der Tür, gedämpfte unverständliche Worte dahinter.

Mit Schwung und ohne Shirt öffnete er die Tür. In Unterhose stand er nun vor ihr. Einer jungen, blonden, ihn um gut einen Kopf überragenden Frau. Sie schrie ihm einen unverständlichen Wortbrei, aus Vorwurf und brodelnder Wut bestehend, entgegen.

Perplex entgegnete er lediglich ein leises >>Wie bitte?<>Ihr f***t zu laut!<<>Tun wir nicht<< entgegnete er erneut einen Hauch zu unentschlossen.Denn sie warf sofort, nachdem er seine Worte zu ende gebracht hatte, wieder damit beschäftigt die etlichen Male aufzuzählen an denen er, und seine Schlampe von Freundin angeblich zu absolut unmenschlichen Tages und Nachtzeiten ekelhaft lauten Sex haben würden. Mit dem auf ihn einprasselnden Vorwürfen konfrontiert kam er keine Sekunde dazu über das Geschehnis nachzudenken.Lediglich die Gedanken der Ungerechtigkeit und der falschen Vorwürfe machten sich breit, und kurz darauf Luft. In einer Atempause der jungen, angsteinflößend großen Frau, nutzte er die kurze Stille um sich nun endlich der Lautstärke der Frau wenigstens etwas zu nähern. Denn offenbar galt hier gerade, dass der Lautere Recht habe. Also sprach er langsam und deutlich die Worte, welche er als seine Befreiung aus der merkwürdigen Situation auserkoren hatte.>Meine Freundin ist nicht da. Wir sind es nicht<

Nach einiger Zeit voll Angst und nächtlichen Klingelattacken, schrieb er der jungen Frau einen „so-freundlich-wie-möglichen“-Brief. Und das war er in der Tat, so freundlich wie eben möglich. Und voll ehrlich-aufrichtiger Beteuerungen, dass er es nicht sei, und auch gar nicht sein könne, der die Nachtruhe mit lautem Geschlechtsverkehr störe. Einerseits, da seine Freundin zu besagten Zeiten weder in der Wohnung, noch auch nur in verkehrsfähiger Reichweite befand.

Und so kam es, dass nach einer erneuten nächtlichen Klopf, Klingel und Flucharie er sich selbst auf die Suche begab, um den angeblichen Geräuschen auf die Spur zu kommen. Und tatsächlich, ein Stockwerk unter ihm, wohlgemerkt direkt neben dem blonden Riesen, drang lautes Gestöhne und Gejauchze aus der Wohnung.

Doch beschloss er aus der unfreundlichen Art seiner Richter und Hänkerin etwas zu lernen. Er schrieb einen freundlichen Zettel, um dem sich vergnügenden Beiden nicht den Spaß zu rauben, schob ihn unter der Tür hindurch, und fühlte sich sogleich ein wenig befreiter.

Endlich die Gewissheit zu haben, trotz des eigentlich besseren Wissen, nicht der Ruhestörer zu sein,  lies ihn trotz gelegentlichen Klopfens in jener Nacht ruhig und selig schlafen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute. Beziehungsweise zog der junge Kerl aus, mit seiner Freundin zusammen, und nahm stets Rücksicht auf seine Nachbarn.

Einen schönen Wochenstart und hoffentlich erträgliche Nachbarn wünscht Euch,

der Komoediant!

 

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10 Kommentare auf "Sex, Krach und Nachbarschaft"

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Herrlich!
Und toll zu lesen.
„Zum Dranbleiben“ sozusagen.
:-)

Vielen Dank! Das bedeutet mir viel :)

Sehr gern und aufrichtig: ein toller Schreibstil!
Lo

Hä!? ‚erträgliche Nachbarn‘!?
Was seid Ihr Menschen doch für seltsame Wesen!?
Wir freuen uns, wenn neben, über, unter uns gevögelt, geliebt, geschmust wird was das Zeug hält! Dann wissen wir, dass es auch anderen gut geht, wir werden angeturnt und freuen uns, anderen mit liebevollem Beispiel voran zu gehen.
Falls Ihr das so nicht auf die Reihe kriegen solltet: Besucht uns mal im Dschungel und guckt wie liebevolles Paradiesleben so funtzt! ;-)
Mit dschungulösen Grüßen!

Kann man sich da noch einen anderen Ausgang der Begebenheit wünschen? Eventuell als Fortsetzungsroman?
Frei nach Reich- Ranicki, dass Autobiographisches nichts mit Literatur zu tun hat.
Was ich völlig anders sehe.
Danke für das Schmunzeln…

Herzlich gern! Möglich ist was Mensch sich vorstellen kann.

Irgendwie doch schade, es nicht gewesen zu sein?

Perfekte Auswahl des Fotos ;)

Vielen Dank!

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